Blutegelbehandlung

Die Blutegeltherapie hat auch in der modernen Medizin noch ihren Stellenwert

BlutegelbehandlungDie Blutegel (Hirudo medicinalis und Hirudo officinalis) gehören zur Familie der Ringelwürmer; sie sind sehr saubere Tiere, die nur in klarem Wasser, d.h. in Teichen mit stetem Wasserwechsel oder in sauberen Bächen und Flüssen leben können.

Die Therapie mit Blutegeln war schon den Naturvölkern bekannt: die ersten über 3000 Jahre alten Aufzeichnungen stammen aus Indien; in unserem Kulturkreis berichtete erstmals der griechische Arzt und Dichter Nikandros von Colophon (200 bis 130 v.Chr.) von einer solchen Blutentziehungsmaßnahme zu Heilzwecken. Im Mittelalter setzten sich die bedeutendsten Chirurgen und Internisten jener Zeit intensiv für diese Behandlungsmethode ein und erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts geriet diese Form des Aderlasses durch die bahnbrechenden Erkenntnisse Virchows (1821-1902) über Bakteriologie, Antisepsis und Asepsis allmählich in Vergessenheit.

Ein mittelgroßer Blutegel entzieht ca. 10-15 ml Blut (der Blutegel kann ca. das Sechsfache seines Eigengewichtes an Blut aufnehmen), etwa das Fünffache der entzogenen Menge geht noch durch die erwünschte Nachblutung verloren, so daß die Blutneubildung erheblich angekurbelt wird.

Der Blutegel produziert beim Saugakt zum einen eine histaminartige Substanz im Speichel, die die kleinen Hautgefäße im Bereich der Bißstelle lähmt, zum anderen schüttet er mit dem Speichel das Protein Hirudin aus, welches die Gerinnungsfähigkeit des Blutes herabsetzt; beides führt zu einer erheblichen lokalen Durchblutungssteigerung. Wissenschaftler der Universität Marburg konnten eine dritte Substanz aus dem Blutegelspeichel isolieren, die eine sofortige Abtötung aller im Patientenblut enthaltenen krankmachenden Keime verursacht. Dies ist sicher die Erklärung dafür, daß bisher nie die Übertragung von Infektionen durch Blutegel als Zwischenwirt von einem Patienten auf den nächsten beobachtet werden konnte; selbstverständlich wird heute dennoch jedes Tier nach seiner ersten Verwendung sofort abgetötet. Dies gilt sogar für Tiere, deren Ansetzen bei einem Patienten aufgrund widriger äußerer Faktoren nicht gelang.

Durch den Blutegelspeichel selbst wird eine wichtige unspezifische Reizwirkung erzielt; die Erfahrungsmedizin nutzt daher das wiederholte Ansetzen der Tiere im Sinne einer Umstimmungstherapie. Entsprechende positive Blutbildveränderungen unter einer solchen Behandlung stützen die Annahme, daß durch diese Therapieform wichtige humorale Veränderungen im Körper des Behandelten zustande kommen. Ferner konnten empirische Zonen an der Hautoberfläche (sog. Head`sche Zonen) definiert werden, in denen eine Blutegelbehandlung reflektorisch zu einer günstigen Beeinflussung innerer Organe, z.B. einer deutlichen Steigerung der Leberstoffwechselleistung und einer Zunahme der Darmbeweglichkeit führte.

Der Egel benötigt in der Regel 15-60 Minuten zum Saugakt und fällt von allein ab, wenn er seine 20 Futtersäcke mit Blut gefüllt hat; danach beobachtet man eine starke, bis zu 12 Stunden andauernde Nachblutung, mit der Schlacken ausgeschieden werden, so daß sauerstoffangereichertes Blut nachströmen kann und es zu einer tiefgreifenden heilenden Verbesserung der Zellatmung am Orte der Einwirkung kommt. Örtlich wirkt der Blutegelbiß somit gerinnungshemmend, lymphstrombeschleunigend, antithrombotisch, immunisierend und gefäßentkrampfend.

Die allgemeine Wirkung einer Blutegelbehandlung besteht in der Blutreinigung, der Entgiftung, der Entzündungshemmung durch Bakterienabtötung, der Beruhigung, der Immunisierung und der allmählichen Umstimmung. Diese z.T. wissenschaftlich untermauerten, z.T. rein empirischen Erkenntnisse begründen die Indikationen der Blutegelbehandlung bei ganz bestimmten Krankheitsbildern: die bekannteste und sehr erfolgreiche Anwendung besteht in der Thrombose- und Venenentzündungsbehandlung; selbst alte verhärtete Thrombosen lassen sich z.T. rasch und mühelos therapieren.

Auch Krampfaderbeschwerden, Unterschenkelgeschwüre und sogar eingeklemmte Hämorrhoidalknoten fallen unter die bekannten Indikationen. Besonders das Lymphsystem wird durch den Blutegel günstig beeinflußt: eitrige Lymphdrüsenentzündungen,

Mandelabszesse, Mittelohrentzündungen, Furunkel bis hin zu Gelenkschwellungen oder sogar Gallenblasenentzündungen können durch die Blutegelwirkung entlastet werden. Neueste Studien über Blutegelbehandlung bei Gürtelrosenerkrankung berichten über Heilerfolge von bis zu 95%, wenn die Egelbehandlung innerhalb der ersten Woche nach Auftreten der Bläschen begonnen wird. Kreislaufstauungen, sowohl im Blut als auch in der Lymphe, können durch die Blutegelbehandlung gelöst werden: hierzu zählen z.B. Migräne, leichte Formen der Angina pectoris, Bluthochdruck, Regelbeschwerden etc. Auch Stauungen nicht entzündlicher Art wie der grüne Star (Glaukom) oder Muskelverspannungen können günstig beeinflußt werden. Durch die umstimmende Wirkung sind Therapieversuche bei Depressionen, Wechseljahresbeschwerden u.ä. aussichtsreich.

Ein nicht zu unterschätzender Vorzug der Egeltherapie gegenüber einer operativen Behandlung zeigt sich im kosmetischen Ergebnis: nach einem Egelbiß treten keinerlei Narbenbildungen in Erscheinung. Gerade auch in der Behandlung von Kindern ist die Blutegeltherapie sinnvoll, da sich viele Krankheitsbilder mit einem einzigen Egel beherrschen lassen und den Kindern häufig eine bei einem chirurgischen Eingriff unentbehrliche Narkose erspart werden kann.

Die Natur hat dem Arzt mit dem Blutegel ein wertvolles Mittel mit Kombinationswirkung geschenkt, welche sich aus Blutentzug, aus der spezifischen Wirkung seines Sekretes und seiner unspezifischen Umstimmungwirkung zusammensetzt und somit auch heute noch in seiner biologischen Einheit ein unerreichbares Meisterstück der Natur darstellt. Der ganzheitlich denkende Therapeut wird die Blutegeltherapie gerade dort einsetzen, wo Krankheitsbilder nicht durch eine medikamentöse Maßnahme allein zu beherrschen sind oder dort, wo es gilt, den Einsatz von Antibiotika bzw. chirurgische Eingriffe zu vermeiden